Im Standarddeutschen existiert kein Aspekt. Der Progressiv anderer Sprachen (engl. to be V-ing, span. estar + V-ndo) muß mit Adverbien wie gerade wiedergegeben werden.

In mehreren westdeutschen Dialekten entsteht seit über 200 Jahren ein progressiver Aspekt mit sein + am + Vinf. Hier ein paar frühe Belege:

GRETCHEN: Das arme Ding!
LIESCHEN: Bedauerst sie doch gar!
Wenn unsereins am Spinnen war,
Uns nachts die Mutter nicht hinunterließ,
Stand sie bei ihrem Buhlen süß
(J. W. Goethe, Faust. Eine Tragödie, Sp. 3565)

Nein, am Sterben bin ich noch nicht. Und wenn ich am Sterben wäre, so würde mich Doktor Wilkins, der alles liest, aber nicht viel weiß, auch nicht zurückhalten können. (Th. Fontane, Unwiederbringlich, 1892 [1974]: 210)

B1.Ich bin am Arbeiten. [Brief von August Macke, 1908]

Das Vollverb ist hier intransitiv, während es in B2 transitiv ist.

B2.Ich bin jetzt dieses Orientierungs-Papier am überarbeiten. [Kölschsprecher, 1988]

Solange der Progressiv im Deutschen nicht voll ausgebildet ist, unterscheiden sich die Dialekte und Soziolekte in der Akzeptanz von Konstruktionen wie B1 und B2: Akzeptanz von B2 impliziert Akzeptanz von B1. Ähnliches läßt sich in B3 feststellen:

B3.a.Martha ist am Flaschen-Sortieren.
b.Martha ist Flaschen am sortieren.

Nicht-Kölsch-Sprechern erscheint B3.a besser als B3.b. Es ist also deutlich, daß der progressive Aspekt bei intransitiven Verben entsteht und von da auf die transitiven übergeht.

In einem Stadium, da die Konstruktion noch nicht grammatikalisiert ist, hat sie ungefähr folgende Struktur:

Syntaktisch komplexes Verbal im Progressiv

Die transitive Konstruktion ist aus einem strukturellen und einem semantischen Grund sekundär:

Daher entsteht der Progressiv bei intransitiven Verben und breitet sich von da zu den mehrwertigen aus.