Funktionale Domäne 29.07.2026

Der Begriff der funktionalen Domäne (auch “kognitiv(-kommunikativ)e Domäne”) hat seinen Platz in einem onomasiologischen Ansatz in der allgemein-vergleichenden Sprachwissenschaft. Er setzt voraus, daß Sprache eine Vielfalt von Funktionen erfüllt, die sich in ihrem System als Kategorien, Konstruktionen, Operationen, Prozesse usw. niederschlagen.

Eine funktionale Domäne der menschlichen Sprache (‘langage’) ist ein Ausschnitt aus der Gesamtheit des durch Sprache Übermittelten, der wie folgt konzipiert wird:

  1. Er ist eine Menge von Begriffen und Operationen, die Funktionen auf einer oberen Ebene in der teleonomischen Hierarchie der Sprache erfüllen, also den obersten Funktionen der Sprache, der Kognition und Kommunikation, unmittelbar untergeordnet sind.
  2. Diesen Begriffen und Operationen sind Strukturmittel, also grammatische Kategorien und Prozesse, zugeordnet, welche die entsprechenden Funktionen erfüllen. Die Zuordnung ist – wie stets zwischen Funktion und Struktur – multipel, d.h. eine gegebene Funktion kann durch verschiedene Strukturmittel erfüllt werden; und ein gegebenes Strukturmittel kann gleichzeitig oder alternativ verschiedene Funktionen erfüllen.
  3. Eine funktionale Domäne ist universal in dem Sinne, daß ihre Funktionen in jeder Sprache durch grammatische Mittel erfüllt werden. Dieser Anspruch setzt freilich relativ abstrakte und allgemeine Funktionsbegriffe auf der einen und Grade der Grammatikalisierung auf der anderen Seite voraus.
  4. Die in einer funktionalen Domäne eingesetzten Strukturmittel werden auf übereinzelsprachlicher Ebene zu sogenannten Strategien (auch “Techniken”) zusammengefaßt. ‘Strategie’ ist bereits ein (allgemein-)grammatischer Begriff in dem Sinne, daß eine Strategie neben den funktionalen auch strukturelle Anteile hat. Es ist ein typologischer Begriff in dem Sinne, daß das Verfügen über eine bestimmte Strategie einen Sprachtyp charakterisiert, während andere Sprachen innerhalb derselben funktionalen Domäne andere Strategien verwenden.
  5. Die Hauptkomponenten einer funktionalen Domäne, welche sie konstituieren und gliedern, sind also semantischer, nicht strukturell-ausdrucksmäßiger Natur. Wegen des schrittweisen Übergangs von Funktion zu Struktur in der Onomasiologie folgt aber bereits die Untergliederung der funktionalen Domäne in Strategien teilweise strukturellen Kriterien. Anders gesagt, eine funktionale Domäne ist nicht rein logisch (oder psychologisch oder ethnologisch usw.) konzipiert, sondern nach sprachlichen Gesichtspunkten konstituiert und aufgebaut.
  6. Das allgemeinste strukturelle Kriterium, welches für die Konstitution einer funktionalen Domäne gilt, ist, daß es für die beteiligten Funktionen überhaupt grammatische Mittel gibt. Dieses Kriterium schließt aus, daß es z.B. eine funktionale Domäne des Einkaufens, Kochens oder des Hausbaus gibt: In keiner Sprache gibt es eine grammatische Kategorie, welche Werte in diesen semantischen Bereichen annähme. Dies sind vielmehr Domänen des Sprachgebrauchs, die i.w. durch die Verfassung der Welt, in der wir leben, vorgegeben sind und sich in der Sprache vor allem in lexikalischen Feldern niederschlagen.
  7. Mithin umfaßt die Gesamtheit der funktionalen Domänen die Gesamtheit der grammatischen Begriffe und Operationen, die in den Sprachen vorkommen. Sie ist folglich eine universale Basis für die onomasiologische Beschreibung eines Ausschnitts der Grammatik einer Sprache. Die funktionalen Domänen geben das Einteilungsprinzip einer funktionalen Grammatik ab, so wie die Ausdrucksmittel und ihre Strukturen das Einteilungsprinzip einer strukturalen Grammatik abgeben.
  8. Die funktionalen Domänen sind nicht scharf gegeneinander abgegrenzt. Dies liegt z.T. daran, daß das Begriffssystem (noch) nicht sauber definiert ist bzw. daß viele Begriffe prototypischer Natur sind. Es liegt aber auch an dem in #2 genannten Umstand, daß die Domänen in bezug auf die Strategien, welche die Funktionen umsetzen, überlappen.

Die obige Bedingung #1 kann als Definition von ‘funktionale Domäne der Sprache’ gelten. Eine Definition per ostensionem wird in der folgenden Tabelle geboten, die alle bisher in der Literatur eingeführten funktionalen Domänen aufzählt.

Functional domains of language
 #functional domainmain areas
1Substantive notions and denominationnominal classification, onomastics, relationality, formation and modification of substantive notions
2Quantification, measure, and orderingplurality, counting, non-numeral quantification, measurement and collection
3Referenceanchorage (incl. deixis), individuation, accessibility and phora (incl. reference tracking), demarcation of referential expression (incl. determination)
4Situationtypes of situation, holistic vs. analytic representation (ideophones, verb series), temporal design of situation core (time stability, phases and boundaries), quality and quantity of situation core (manner, intensification, gradation)
5Predicationtypes and strategies of predication, existence, presentation, equation, categorization, characterization (property, comparison), stative predication, change of category and quality; secondary predication
6Possessionpossession in reference, possessive predication, possession and participation, past and future possession
7Participationsemantic roles, hierarchy of syntactic functions, actor and control (causation, actor demotion), undergoer and affectedness (applicative constructions, introversion), indirectus, experience (desideration, perception, feeling), theme, peripheral roles, meteorological ambience
8Spacespatial reference points, spatial regions, spatial distance, rest (posture, location), motion, local relations
9Timetemporal reference points (moment and span), temporal relations (simultaneity, succession)
10Modalityobligation, possibility, volition; validation, epistemics, evidentiality, evaluative modality (acceptance, regret)
11Negationsemantic scope of negation, negated coordination, negation and quantification, negation of notions
12Junctionproposition vs. state-of-affairs, intrinsic relations (content propositions), extrinsic relations (logical relations, concrete relations)
13Discourse structurethematic structure articulation, activation of referent (topicalization, reuse), focusing, emphasis, thetic statement
14Communicative relationscommunication channel, politeness and etiquette, illocution (declaration, denial and contradiction, exchange of information, directive illocution, offer and acceptance, excuse and forgiveness, good wishes and curses), exclamation; metalinguistic operations

Es kann angenommen werden, daß diese Aufstellung den größten Teil der Funktionen, die von den in herkömmlichen Grammatiken beschriebenen grammatischen Mitteln erfüllt werden, umfaßt. Da der Gesichtspunkt onomasiologisch ist, kann, wie in #2 gesagt, ein gegebenes grammatisches Mittel einer Sprache mehreren solcher Domänen zugeordnet sein. Aber gemäß #8 sind die Domänen auch deshalb nicht disjunkt, weil die sprachlichen (kognitiven und kommunikativen) Funktionen vielfach miteinander verflochten sind. Z.B. ist die Domäne der Quantifikation intern nach Gesichtspunkten gegliedert, welche sich aus zwei anderen Domänen ergeben.

Als Beispiel kann die Beschreibung der funktionalen Domäne der Possession gelten.