Flexion vs. Derivation
Affixe besetzen morphologische Positionen, die im einfachsten Falle relativ zur Wurzel bestimmt sind. Sie liegen also unmittelbar neben der Wurzel oder sind von dieser durch andere Affixe getrennt. Über der Reihenfolge der Affixe walten eine Reihe von Prinzipien. Das einfachste davon betrifft die relative Reihenfolge von derivativen und flexivischen Affixen. Es ist seit langem in der Indogermanistik bekannt, aber auch durch typologischen Vergleich empirisch bestätigt worden:
Greenberg 1963:93: “Universal 28. If both the derivation and inflection follow the root, or they both precede the root, the derivation is always between the root and the inflection.”
Hieran ist zunächst bemerkenswert, daß es nicht auf die Reihenfolge der Affixe von links nach rechts (bzw. von ‘früher’ zu ‘später’), sondern auf die relative Entfernung von der Wurzel ankommt. Auch bei den Wortstellungsgesetzen hatten wir gesehen, daß die Orientierung von links nach rechts relativ unbedeutend ist und daß im Gegenteil Linksverzweigung und Rechtsverzweigung sich weitgehend spiegelsymmetrisch verhalten. Dasselbe bewahrheitet sich bei den morphologischen Stellungsgesetzen.
Derivation schafft einen neuen Stamm; Flexion richtet einen vorhandenen Stamm für die jeweiligen syntaktischen Verhältnisse ein, also für seine Beziehungen zu dem, was neben ihm steht. Dieser unterschiedlichen Funktion von Derivation und Flexion entspricht genau die Stellung der entsprechenden Affixe näher beim Stamm bzw. näher an der Peripherie der Wortform.
Nominale Morphologie
Vergleichbare Prinzipien gelten auch für die Reihenfolge der Affixe bestimmter Flexionskategorien am Nomen und am Verb. Am Nomen gilt z.B. folgendes Prinzip für die Reihenfolge von Numerus- und Kasusaffixen:
Greenberg 1963:95: “Universal 39. Where morphemes of both number and case are present and both follow or both precede the noun base, the expression of number almost always comes between the noun base and the expression of case.”
Auch hier gilt also, daß der Numerus dem Stamm näher ist, während der Kasus an der Peripherie ist. Das paßt genau zu der Funktion dieser beiden Flexionskategorien: der Numerus betrifft die Referenten des Nomens ohne Rücksicht auf seine Rolle im Satz; der Kasus betrifft gerade die Beziehung des Nomens zu dem, was neben ihm im Satz steht.
Demselben Prinzip fügen sich meistens auch Definitheit und Possessiv als nominale Kategorien. Die mit Abstand häufigste relative Reihenfolge von Numerus, Possessiv und Kasus zeigt B1:
| B1. | ev | -ler | -in | -den | ||
| Türk | Haus | -PL | -POSS.2.SG | -ABL | ||
| “aus deinen Häusern” | ||||||
Verbale Morphologie
Am Verb werden eine Reihe morphologischer Kategorien ausgedrückt. Typologisch-vergleichende Untersuchungen, die von Joan Bybee und ihren Mitarbeitern (s. Bibliographie) durchgeführt wurden, ergaben eine ganz überwiegende Tendenz für folgende Skala zunehmender Distanz von der Wurzel:
valenzverändernde Derivation > Genus verbi > Aspekt > Tempus > Modus > Numerus > Person (subj.) > Person (obj.) > GenusAuch dies kann man, analog zu den obigen Analysen, funktional wie folgt begründen: Je weiter links auf der Skala eine Kategorie steht, desto unmittelbarer ist sie für die Bedeutung der Wurzel relevant; je weiter rechts eine Kategorie steht, desto weniger betrift sie die Bedeutung der Wurzel und desto mehr betrifft sie die Beziehung des Verbs zum syntaktischen Kontext. B2 illustriert einen Teil dieser Reihenfolgebeziehungen:
| B2. | çöz | -eme | -di | -m | ||
| Türk | lös | -NEG.POT | -PRT | -1.SG | ||
| “ich konnte es nicht lösen” | ||||||
Das Prinzip ist von dem zuvor besprochenen Affixskopus nicht zu trennen.