Latein als Adstrat der romanischen Sprachen
(nach Tagliavini 1972:325-332)
Die romanischen Sprachen haben sich aus dem Vulgärlatein kontinuierlich entwickelt. Doch während dies geschah, hat auch das Lateinische weitergelebt, wenn auch ohne wesentliche eigene Entwicklung, da es darum ging, das klassische Latein zu konservieren. Es wurde vor allem von den Kulturträgern, i.w. dem Klerus und anderen Akademikern, tradiert. Es war von Anfang an bis auf den heutigen Tag Quelle von Entlehnungen. Wiewohl diese von Gebildeten gemacht wurden, gingen doch viele von ihnen in die Volkssprache ein.
Die Entlehnungen aus dem Lateinischen betreffen alle Ebenen des Sprachsystems: Lexikon, Grammatik (insbesondere Syntax und Derivation), Phonologie. Dies führt im Lexikon aller romanischer Sprachen zu Dubletten von "allotropen" Wörtern, die dieselbe lateinische Wurzel haben, aber auf verschiedenen Wegen in die roman. Sprache gelangt sind:
| (Vulgär-)Latein | Französisch | ||||
|---|---|---|---|---|---|
| ererbt | entlehnt | ||||
| Wort | Bedeutung | Wort | Bedeutung | Wort | Bedeutung |
| causa | Ursache | chose | Sache | cause | (Ur-)Sache |
| parabola | Gleichnis | parole | Wort | parabole | Gleichnis |
| legale | gesetzlich | loyal | rechtschaffen | légal | gesetzlich |
| pensare | (er-)wägen | peser | wiegen | penser | denken |
| fragile | zerbrechlich | frêle | gebrechlich | fragile | zerbrechlich |
Ein untrügliches Merkmal, an dem man lateinische Entlehnungen in romanischen Sprachen erkennen kann, gibt es nicht. Die bestehenden linguistischen Anhaltspunkte ergeben sich daraus, daß die romanischen Sprachen aus dem Vulgärlatein bzw. dem Gemeinromanischen hervorgegangen sind, während die späteren Entlehnungen nicht hieraus, sondern aus dem klassischen Latein stammen. Hiernach gibt es phonologische, morphologische, stilistische und semantische Kriterien, an denen man Latinismen erkennen kann.
Stichworte zur Herausbildung des Französischen
Im Jahre 1635 richtet Cardinal Richelieu unter Ludwig XIII die Académie Française ein. Sie wacht über der Reinheit der französischen Sprache, publiziert das Dictionnaire de l'Académie Française und vergibt seit dem 20. Jh. auch Preise, Stipendien usw. Sie steht unter der Schirmherrschaft des französischen Staatsoberhauptes.
Im 17. und 18. Jh. wird die Grammatik i.w. in der Form normiert, die noch heute gilt. Damit wird u.a. die Voraussetzung dafür geschaffen, daß nicht mehr auf Latein geschrieben werden muß.
Das moderne Französische unterscheidet sich stark von den anderen romanischen Sprachen:
- Das Vokalsystem ist durch das Vorhandensein von vorderen gerundeten sowie von nasalierten Vokalen wesentlich umfangreicher.
- Durch den reduktiven Lautwandel sind die Wörter kürzer.
- Der Plural wird kaum noch am Substantiv (höchstens in Liaison), vor allem durch den Artikel und an anderen Modifikatoren, markiert.
- Aus einer partitiven Konstruktion entsteht indefinite Markierung von Massensubstantiven und pluralischen Substantiven.
- Das Satzsubjekt muß als Satzglied vertreten sein. Im Zusammenhang damit verlieren die Personalendungen des Verbs zunächst ihre pronominale Funktion und sind schließlich überhaupt nur noch in der 1. und 2. Ps.Pl. distinkt.
Weiteres zum modernen Französischen hier.