Gespaltene Ergativität 09.07.2026

Wir sahen, daß bei der Markierung der Fundamentalrelationen zwei elementare Prinzipien zusammenwirken:

  1. Beim monovalenten Verb ist die Kontrolle des Partizipanten meist in der Verbbedeutung mitgegeben, variiert folglich nicht und bleibt folglich meist unbezeichnet.
  2. Beim transitiven Verb ist der Actor vom Undergoer zu unterscheiden. Dafür genügt es, wenn einer von beiden markiert wird. Der andere wird dann wie der Partizipant des monovalenten Verbs behandelt.

Unter diesen Prämissen ist die entscheidende Frage, welcher Partizpant des transitiven Verbs mit dem Partizpanten des monovalenten Verbs zusammengelegt wird. Wir sahen bisher, daß dies im Prinzip in der ganzen Syntax einer Sprache auf einheitliche Weise geregelt sein kann, so daß die Sprache insofern den akkusativischen oder ergativischen oder – falls der Prämisse 1 zuwider gehandelt wird – den aktivischen Satzbau durchführt.

Was jedoch semantosyntaktisch markiert oder unmarkiert ist, hängt vom jeweiligen Kontext ab. Viel häufiger als eine einheitliche Lösung in allen Satztypen des Sprachsystems ist daher eine abgestimmte Lösung, wonach die Ausrichtung der Fundamentalrelationen je nach Rahmenbedingungen angepaßt wird. Diese Kombination verschiedener Ausrichtungen in einem Sprachsystem nennt sich (aus idiosynkratischen begriffsgeschichtlichen Gründen) gespaltene Ergativität (sie hieße besser ‘gespaltene Ausrichtung’).

Die Rahmenumstände, welche die Wahl zwischen akkusativischem und ergativischem Bau bedingen, sind vor allem die folgenden:

Gespaltene Ergativität

Parameter
Konstruktion
Wert    ╲
akkusativergativ
Empathie A : UActor > Undergoer+
Actor < Undergoer+
Tempus/AspektPräsens/imperfektiv+
Präteritum/perfektiv+
Finitheitfinit+
infinit+
Verbsemantikagentiv+
stativ+

Die Liste ist nicht vollständig. Von allen Kriterien gibt es zahlreiche Varianten. Bei der Empathie kann es auch bloß auf den Empathiegrad des einzelnen Partizipanten anstatt auf ihr Empathieverhältnis ankommen.

Die folgenden Beispiele aus dem Dyirbal zeigen eine durch Empathie bedingte Spaltung:

Gespaltene Ergativität im Dyirbal

Gespaltene Ergativität im Dyirbal

B1.balandjugumbilbaŋgulyaɽa-ŋgubalgan
DyirDET:F(ABS)Frau(ABS)DET:M:ERGMann:ERGschlag:REAL
 Der Mann schlägt die Frau.
B2.ŋadjaŋinu-nabalgan
 ich(NOM)du-AKKschlag:REAL
 Ich schlage dich.
B3.ŋadjabani-ɲu.
ich(NOM)komm:REAL
Ich komme.

Dixon, Robert M.W. 1972, The Dyirbal language of North Queensland. Cambridge & London: Cambridge University Press (Cambridge Studies in Linguistics, 9) (2. Aufl. 1976, Paperback); 59f.

Die Regel ist hier, daß wenn die Aktanten nominal besetzt sind, ergativischer Satzbau herrscht, Pronomina jedoch akkusativisch deklinieren.

Die folgenden Beispiele aus dem Kurdischen zeigen einen ‘ergativity split’ (Gestaltung der Fundamentalrelationen nach den beiden Mustern), welcher durch Tempus/Aspekt bedingt ist:

Gespaltene Ergativität im Kurdischen

Gespaltene Ergativität im Kurdischen

B1.a.Jınık-ēkıtabxwend.
Frau-OBL.FBuchles:PRF(3.SG)
Die Frau hat das Buch gelesen.
* Jınıkkıtab-ēxwend.
  b.Jınıkkıtab-ēdı-xwin-e.
FrauBuch-OBLPRS-les-3.SG
Die Frau liest das Buch.
B2.a.Mınkıtabxwend.
ich.OBLBuchles(PRF.3.SG)
Ich habe das Buch gelesen.
* Ezkıtab-ēxwend-ım.
  b.Ezkıtab-ēdı-xwin-ım.
ichBuch-OBLPRS-les-1.SG
Ich lese das Buch.
B3.a.Ezket-ım.
ichfall:PRF-1.SG
Ich bin gefallen.
  b.Mındit.
ich.OBLseh:PRF(3.SG)
Ich habe (es) gesehen.
B4.a.Ahmed-iezdit-ım.
Ahmed-OBLichseh:PRF-1.SG
Ahmed hat mich gesehen.
  b.Ezdit-ım
ichseh:PRF-1.SG
Man hat mich gesehen.

Paul, Ludwig [1994], Kurdisch - Wort für Wort. Bielefeld: P. Rump (Kauderwelsch, 94); 39ff.

Die Ausrichtung folgt hier der Zeile ‘Tempus/Aspekt’ obiger Tabelle. Das gilt sowohl für die Kasusmarkierung – immer am sekundären Aktanten – als auch für die Verbkongruenz – immer mit dem primären Aktanten. Nebenbei sieht man, daß auch Konstruktionen für unspezifierten Actor (B4.b) und für unspezifizierten Undergoer (B3.b) jeweils dem akkusativischen bzw. ergativischen Prinzip folgen. Außerdem illustriert B1 besonders klar, daß die Kasusmarkierung der Fundamentalrelationen in erster Linie nicht semantische, sondern kontrastive Funktion hat: Das Suffix bezeichnet nicht eine bestimmte Kasusfunktion, sondern die in dem betreffenden System jeweils sekundäre syntaktische Funktion. Die Eigenschaft eines Morphems, unter entgegengesetzten Bedingungen Entgegengesetztes zu bezeichnen, heißt übrigens Polarität.