Entstehung von Affixen 09.07.2026

Zum Verständnis der diversen Prinzipien, die über Affixen walten, ist es zunächst nützlich, die diachrone Perspektive einzunehmen und zu sehen, woraus Affixe überhaupt entstehen. Dafür gibt es i.w. drei Wege:

  1. aus phonologischem Material (falsche Abtrennung),
  2. aus anderen Affixen (Reanalyse und falsche Abtrennung),
  3. aus selbständigen Morphemen (Grammatikalisierung).

Die ersten beiden Prozesse brauchen hier nur kurz gestreift zu werden:

Ad 1: Ein Affix, das als Morphem bereits zum Sprachsystem gehört, kann durch Volksetymologie in einem Wort entstehen, von dem es bislang bloß ein phonologischer Bestandteil war. Ein Beispiel ist das engl. cherries: Das altfrz. cérise(s) “Kirsche(n)” wurde (da Kirschen überwiegend in der Mehrzahl auftreten) als Massennomen ins Englische entlehnt und lautete dort /ʃɛri:z/. Da die Form auf s endet, wurde sie als pluralisch interpretiert, und man bildete zum Plural cherries den Singular cherry. Auf ähnliche Weise könnte auch ein neues Affix ins System kommen.

Ad 2: Der Fall, daß ein vorhandenes Affix reanalysiert wird, ist häufiger. Es kommt vor, daß ein Affix im Ausdruck unverändert bleibt, jedoch eine neue Funktion bekommt. Das ist etwa der Fall mit dem deutschen Pluralsuffix -er, welches aus einem ehemaligen Stammbildungssuffix reanalysiert wurde (Näheres anderswo). Und andererseits kommt es vor, daß ein vorhandenes Affix falsch abgetrennt wird und so ein Affix mit neuem Ausdruck, aber möglicherweise unveränderter Funktion entsteht. Ein Beispiel ist das deutsche Suffix -ler wie in Sportler, das als Variante des Suffixes -er durch falsche Abtrennung von Wörtern wie Bettler entstand. Solche Affixvarianten sind nicht selten. Sie werden oft nachträglich funktionell differenziert, so daß man im Ergebnis dann zwei verschiedene Affixe hat.

Ad 3: Der produktivste Weg zur Gewinnung neuer Affixe ist jedenfalls die Grammatikalisierung von Wörtern. So ist das Adverbialisierungssuffix ital./span./port. -mente, frz. -ment, z.B. in prudentemente/prudemment “vorsichtig(erweise)”, durch Grammatikalisierung des Syntagmas prudente mente “mit vorsichtigem Sinn” entstanden. Auf diese Weise entstehen sowohl flexivische als auch derivative Affixe.

Der Aspekt der Grammatikalisierung, welcher den Übergang eines Wortes in ein gebundenes Morphem betrifft, heißt Koaleszenz (im 19. Jh. noch ‘Agglutination’). Nicht nur Monomorphematika sind von Koaleszenz betroffen; auch eine flektierte Wortform kann zu einem morphologischen Bestandteil eines Trägers werden. Das folgende Beispiel aus dem Türkischen zeigt, wie ein Syntagma aus Prädikatsnomen und flektierter Kopula zu einer finiten verbalen Form wird.

Koaleszenz im Türkischen

B1.bizburadai-di-k.
Türkwirhiersei-PRÄT-1.PL
wir waren hier
B2.bizburada-ydı-k
wirhier-VR:PRÄT-1.PL
wir waren hier

Wendt, Heinz F. 1972, Langenscheidts Praktisches Lehrbuch Türkisch. Berlin etc.: Langenscheidt; 121