Eine wissenschaftliche fundierte Sprachtypologie und Universalistik setzt einen klaren Begriff der Beziehung zwischen ‘langage’ und ‘langue’ voraus. Darüber verfügt die Sprachwissenschaft der Antike und des Mittelalters bis weit in die Neuzeit hinein nicht. Vielmehr herrschte entweder der naive Sprachchauvinismus, wonach meine Sprache (‘langue’) identisch ist mit der Sprache (‘langage’) und alle anderen Menschen eigentlich nicht richtig sprechen. Oder es herrschte eine sublimierte Form davon, wonach die Sprache, welche die Intellektuellen beherrschen – im Mittelalter und bis ins 19. Jh. hinein das Latein –, die Stelle der “eigentlichen” Sprache einnimmt.
So machte z.B. der Modismus (13. u. 14. Jh.) Aussagen über die Grammatik der menschlichen Sprache ohne jegliche empirische Untersuchung, aber mit Illustration der Theorie aus dem Lateinischen. Nicht viel anders war es in der allgemeinen Grammatik im Zeitalter des Rationalismus (bes. Frankreich, 17. Jh.). Hier werden Griechisch, Latein und Französisch zur Illustration der Gesetze der allgemeinen Grammatik herangezogen, die ihrerseits – wie im Modismus – eine logische Grundlage hat.
Im Zeitalter der Aufklärung begann man, an den Völkern der Erde ethnographisches Interesse zu nehmen und über ihre Sprachen polyglotte Sammlungen anzulegen. Diese enthielten typischerweise Übersetzungen von Grundwortlisten oder des Vater-Unser in eine große Menge exotischer Sprachen, gelegentlich auch summarische Angaben über den Sprachbau. Repräsentative frühe Beispiele sind die folgenden:
- Der Schweizer Konrad Gessner veröffentlicht 1555 (unter dem Namen Conrad Gesner) einen Überblick über 25 antike und moderne Sprachen und nannte sie als erster Mithridates nach einem seit der Antike als polyglott bekannten kleinasiatischen König.
- Peter Simon Pallas gibt 1786 auf Veranlassung Katharina der Großen ein vergleichendes Vokabular der Sprachen des Zarenreiches heraus.
- Der Catálogo de las lenguas von Lorenzo Hervás (1800-05) liefert eine genetische Klassifikation der Sprachen der Welt, die besonders in Amerika und Ozeanien auf dem damals modernsten Stand ist.
- Auch das von Johann Christoph Adelung 1806 begonnene und von Johann Severin Vater 1817 weitergeführte Werk nannte sich Mithridates.
Bibliographische Angaben
Adelung, Johann Christoph & Vater, Johann Severin 1806-17, Mithridates oder allgemeine Sprachenkunde - mit dem Vater Unser als Sprachprobe in bey nahe fünf hundert Sprachen u. Mundarten. Berlin: Voss (Reprint: Hildesheim: Olms, 1970).
Gesner, Conrad 1555, Mithridates. De differentiis linguarum tum veterum tum quae hodie apud diversas nationes in toto orbe terrarum in usu sunt observationes. Zurich: Froschoverus (Neudruck: Aalen: Scientia, 1974, hrsg. u. eingel. v. Manfred Peters).
Hervas y Panduro, Lorenzo 1800-05, Catalogo de las lenguas de las naciones conocidas, y numeracion, division y clase de estas segun la diversitad de sus idiomas y dialectos. Madrid: [s.ed.].
Pallas, Peter Simon 1786-9, Linguarum totius orbis vocabularia comparativa. Sectio prima, duo volumina. St. Petersburg: J.K. Schnoor (2. ed. 1790/1, ambas sectiones in 4 voluminibus continens. Nachdruck der 1. Aufl. hrsg. von Harald Haarmann, Hamburg: H. Buske, 1977).
(Weiteres zur Polyglossie anderswo.) Die theoretische Basis dieser Datensammlungen war noch ziemlich dünn. Allerdings findet sich eine frühe theoretische und methodologische Grundlegung allgemein-vergleichender Sprachwissenschaft in Christian Jakob Kraus' Rezension des Vergleichenden Wörterbuchs von Pallas (Auszüge in Arens 1969:136-145).
Zu den ersten Versuchen, Sprachtypen aufzustellen, gehört Adam Smiths (1761) Dissertation .... Er postuliert zwei Sprachtypen, denen er die antiken und die modernen indogermanischen Sprachen zuordnet. Sie werden später in Form von A.W. Schlegels synthetischen und analytischen Sprachen wiedererscheinen. Im 19. Jh. werden dann schrittweise mehr, und insbesondere auch nicht-indogermanische, Sprachen in die Typologie einbezogen. Ein klares Bewußtsein der theoretischen und methodologischen Grundlagen der allgemein-vergleichenden Sprachwissenschaft etabliert sich mit W.v. Humboldt 1836. Das schließt freilich einzelne theoretische Fehleinschätzungen und empirisch ungenügend fundierte Hypothesen nicht aus; aber in dem Punkte unterscheidet sich zeitgenössische Wissenschaft von der Wissenschaft des 19. Jh. bestenfalls dem Grade nach.