Affigierung ist ein segmentaler morphologischer Prozeß, der in der Hinzufügung einer – abgesehen von Allomorphie – konstanten Kette von Segmenten – eben eines Affixes – zu einer Basis besteht. Affigierung unterscheidet sich somit von anderen segmentalen Prozessen wie Reduplikation, innerer Modifikation usw. sowie von suprasegmentalen Prozessen. Die Basis ist im Prinzip ein Stamm, der auch nur aus einer Wurzel bestehen kann. Allerdings treten einige Arten der Affigierung nur an der Wurzel auf.
Je nach der Seite des Stamms, an welcher das Affix hinzugefügt wird, unterscheidet man zwischen
- Präfix: vor dem Stamm,
- Suffix: hinter dem Stamm,
- Infix: in der Wurzel,
- Transfix: diskontinuierlich in der Wurzel,
- Zirkumfix: diskontinuierlich beiderseits des Stamms.
Affixe sind gebundene Morpheme. Ein gebundenes Morphem ist ein solches, welches nicht für sich eine Wortform konstituieren kann. Nicht alle gebundenen Morpheme sind Affixe. Z.B. sind auch werf- (wie in werfen) und leut- (wie in Leutchen, leutselig) gebundene Morpheme; aber es sind gebundene Wurzeln und keine Affixe.
Man könnte versuchen, Affixe von gebundenen Wurzeln durch das Kriterium ‘grammatisch vs. lexikalisch’ zu unterscheiden. (s. Einführendes zu lexikalischen und grammatischen, freien und gebundenen Morphemen.) Wirklich grammatisch sind aber nur die Flexionsmorpheme. Derivationsmorpheme sind teils grammatisch, teils lexikalisch; aber wenn sie die sonstigen Bedingungen der o.a. Definition von ‘Affix’ erfüllen, sind es jedenfalls Affixe, keine gebundenen Wurzeln.
Manche polysynthetischen Sprachen haben gebundene Morpheme mit sehr konkreter Bedeutung.
Lexikalische Affixe im Grönländischen
| B1. | a. | urnig-uti | -lussinar | -pu | -q | ||
| hinkomm-APPL | -umsonst | -IND | -SBJ.3.SG | ||||
| er kam umsonst | |||||||
| b. | uqa | -riataar | -pu | -q | |||
| sprech | -plötzlich | -IND | -SBJ.3.SG | ||||
| er sprach plötzlich | |||||||
| B2. | a. | akisu | -gissaa | -vu | -q | ||
| teuer | -Übermaß.beklag | -IND | -SBJ.3.SG | ||||
| er beklagte sich, es wäre zu teuer | |||||||
| b. | ani | -rpallap | -pu | -q | |||
| ausgeh | -hörbar | -IND | -SBJ.3.SG | ||||
| man hörte jemanden hinausgehen | |||||||
Beispiele aus: Fortescue, Michael 1984, West Greenlandic. London etc.: Croom Helm (Croom Helm Descriptive Grammars); 324-327.
In obigen Beispielen treten nach einer Verbwurzel verschiedene Derivationssuffixe auf, die in ihrer Bedeutung bzw. in der deutschen Übersetzung lexikalischen Wurzeln entsprechen. Es handelt sich jedoch nicht um Komposition; diese Morpheme treten ausschließlich in suffixaler Position auf.
Solche Fakten führen darauf, daß der Begriff des Affixes relativ zu dem der Wurzel definiert ist. Methodisch kann man ihn wie folgt einkreisen: Eine komplexe Wortform enthält mindestens eine Wurzel. Da wenigstens einige Wurzeln frei sind und da innerhalb des Wortes die Stellungsfreiheit null oder höchstens sehr gering ist, läßt sich innerhalb der Wortform die Wurzel und ihre Position als Fixpunkt bestimmen. Dann sind alle gebundenen Morpheme in einer Wortform, welche nicht Wurzeln sind, Affixe. Diese Möglichkeit der Festlegung hindert freilich nicht, daß zwischen einer gebundenen Wurzel und einem (Derivations-)Affix ein fließender Übergang besteht.